30.9.2009 Gedanken zur Geldtheorie und zum Gleichgewichtszinsniveau

Unter Systemkritik versteht man meist die kommunistische, die also das System „Marktwirtschaft“ kritisiert. In diesem Text möchte ich mit einigen lose zusammenhängenden Gedanken aufzeigen, an welcher Stelle unser System gerade nicht Marktwirtschaftlich ist, und eben durch eine fehlende Marktfreiheit unsoziale Tendenzen hat.

  1. Die Volkswirtschaftstheorie sieht Geldwirtschaft als Schleier über der Realwirtschaft, d.h. das Geld bildet angeblich nur reale Vorgänge ab. Kann es sein, dass diese Abbildung im derzeitigen System mathematisch unvollständig ist?
  2. Inflation wird heute üblicherweise mithilfe von Neuverschuldung „gemacht“. Dies ist aber nicht die einzige Möglichkeit, sondern man könnte (nur ein Gedankenmodell kein Lösungsvorschlag!) auch einfach Geld drucken und pro Kopf verteilen. Der Unterschied wäre, dass in ersterem Fall die Schulden steigen, in zweitem Fall Schulden (und Guthaben) praktisch teil-entwertet würden.
  3. Konjunkturprogramme werden heute über Neuverschuldung finanziert und steigern somit die Nachfragemenge nach Kredit, was logischerweise das Zinsniveau erhöht. Viele Ökonomen bezweifeln, dass das Zusatz-Wachstum diesen Nebeneffekt überhaupt übersteigt und lehnen daher auch zu Recht derartige Konjunkturprogramme ab.
  4. Inflation wirkt zudem auf das Realzinsniveau: Wenn man bei z.B. 3% Inflation auf sein Sparbuch 1,5% Zinsen erhält, hat man eigentlich -1,5% Zinsen (minus!)[1].
  5. Negative Renditen sind auch von der Volkswirtschaftstheorie gar nicht bestritten. Im Gegenteil, sie dienen auch dazu, um Überkapazitäten (hier also mehr Kreditangebot als Kreditnachfrage) abzubauen. So bekommen Stromerzeuger z.B. auch nachts ggf. kein Geld für ihre Einspeisung, sondern müssen dafür zahlen. Und ein Landwirt, der 100.000 Euro in eine Apfelplantage investiert und dann auf einen übersättigten Markt trifft, macht auch ggf. 50.000 Euro Verlust (also negativen Gewinn).
  6. Geldbasis (also z.B. Euro-Scheine) ist nominal immer zu 0% verzinst (man bekommt für einen Schein in der Tasche keine Zinsen und zahlt dafür keine). Aber auch auf Bargeld (bzw. jede Geldbasis) wirkt die Inflation, so dass bei positiver Inflation der Realzins auf Geldbasis negativ ist. In Rezessionen ist aber meist kaum Inflation vorhanden, bzw. sogar Deflation. D.h. in Zeiten, in denen das sonstige Zinsniveau niedrig ist, ist der Zins auf Geldbasis plötzlich sogar relativ hoch. Das bezeichne ich als die „Geld-Anomalie„. Denn hier definiert unser Geldsystem praktisch einen Mindestpreis von etwa 0% Zinsniveau (unter der Annahme das bei Rezession eben die Inflation ca. bei 0% ist).
  7. Unser BIP wächst seit ca. 60 Jahren inflationsbereinigt in etwa linear, sogar leicht unterlinear. D.h. mathematisch nimmt das prozentuale (jeweils auf das Vorjahr bezogene) BIP-Wachstum seit 60 Jahren laufend ab. Und das trotz aller Tricks, das BIP zu steigern (Neuverschuldung jeder Regierung). Wie wahnsinnig (oder mathematisch unbedarft) muss man eigentlich sein, um zu glauben, dass ohne Krieg oder sonstige Realkapitalzerstörung wieder 3% erreichbar wären? Brauchen wir also ein Wirtschaftssystem, welches auch mit Nullwachstum klar kommt und muss das Geldsystem hier unterstützen?
  8. Und was ist mit größeren Konjunkturschwankungen? Bei einem Wachstum von z.B. 5% könnte es mal einen Einbruch auf „nur“ 2% geben, aber das wäre immer noch ein Wachstum. Doch was ist in einer älteren Volkswirtschaft wie wir sie haben, bei einer Basis von nur noch 1% Wachstum? Ein solcher Einbruch würde dann -2% „Wachstum“ bedeuten – und schon brauchen wir ein Wirtschafts- und Geldsystem, welches auch (zumindest zeitweilig) schrumpfende Wirtschaft abbilden kann.
  9. Interessant auch, wenn man mal das BIP-Wachstum und das Bevölkerungswachstum vergleicht. Denn das oft fast Hand in Hand! Ob das Zufall ist? Und: Kann die Weltbevölkerung so weiterwachsen? Was passiert, wenn sie sogar schrumpft? Kann unser Geldsystem dieses abbilden?
  10. Zins als Ausgleich für Konsumverzicht (Zeitpräferenz in der Gegenwart), ok. Aber was, wenn gerade mehr Menschen für die Zukunft sparen wollen als Kredit aufnehmen wollen? Was passiert in einer alternden Bevölkerung, in der fast alle fürs Alter sparen wollen? Könnte es dann nicht Situationen geben, in denen man sogar dafür Geld erhalten müsste, wenn man jetzt konsumiert und dafür später leistet? Also die Zeitpräferenz in der Zukunft liegt, und somit ein negatives Gleichgewichtszinsniveau entstehen würde?

Wenn man all das zusammen nimmt, dürfte klar sein, dass eine Wirtschaftspolitik ohne grundlegende Änderungen der Zentralbankgesetzgebung gar nicht funktionieren kann. Das aber wurde nun über ein halbes Jahrhundert lang versucht – mit logischerweise immer weiter steigenden Staatsschulden. Damit will ich aber nun nicht sagen, dass der Staat das Geld nach Gutdünken kontrollieren sollte. Lediglich sollte auch eine schrumpfende Wirtschaft von unserem Geldsystem abbildbar sein.
Lösungsansätze gibt es viele. Doch das WIE würde ich auf später verschieben, dann wenn man dort ansetzt, streitet man jahrelang über den richtigen Weg. Wichtig ist zunächst einmal, zu verstehen, was in unserer Marktwirtschaft falsch läuft, zu erkennen, dass das was den Markt angeblich unsozial macht, genau genommen eine falsche Regulierung des Marktes ist. Dann müssten wir diese „Regulierung“ entweder fallen lassen (liberaler Ansatz) oder mit vermutlich enormen Kräften gegen den Markt kämpfen (sozialistischer Ansatz). Mir persönlich wäre der liberale Ansatz lieber.

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[1] Genau genommen stimmt auch das nicht ganz exakt, weil sich bei Inflation die Maßeinheit verschiebt. Bei relativ geringer Inflation/Deflation ist der Unterschied jedoch minimal, das Vorzeichen bleibt in jedem Fall erhalten.